Jan31

Todo cambio - alles verändert sich

hannah1kl.jpgFRiSCH-Reporterin Hannah Nelita Burzeya (19) macht ein Freiwilliges Soziales Jahr - in einem Kinderheim in Perus Hauptstadt Lima. Im FRiSCH-Blog schildert sie regelmäßig ihre Erlebnisse - subjektiv und ungeschminkt.

Teil 5: Die Entscheidung

Anfang Dezember geht es mir gesundheitlich von Tag zu Tag schlechter. Ich bin unglaublich erschöpft und werde ab Mitte Dezember den gesamten Tag über nicht richtig wach. Ich will nur noch schlafen. Nichts mehr sehen und hören. Mein ganzer Körper ist zerstochen und unter meiner Haut bilden sich Blutergüsse. Ich gehe zu einer deutschen Ärztin hier in Lima. Ich habe Fieber, stellt sie fest. Sie überweist mich zu einem anderen Doktor.

Meine Mattigkeit raubt mir alle Kraft. Ich kann kaum noch mit den Mädchen in Ermelinda reden. Gehe jeden Abend sofort nach dem Essen ins Bett und schlafe auf der Stelle ein. Mit den Mamis kann ich so gut wie gar nicht mehr herumalbern. Ich bin leer. Und ich bin so unglaublich müde.

Der andere Doktor untersucht mich lange. Er fragt viel danach, aus welchen Verhältnissen die Mädchen kommen mit denen ich zusammen bin. Er fragt, ob es Fälle von Tuberkulose in Ermelinda gibt. Er fragt, ob ich gegen Tuberkulose geimpft bin. Ich werde ganz ruhig und leer. Nein, ich habe von keinem Fall von Tuberkulose gehört. Nein, ich bin nicht geimpft.

Tuberkulose ist hier unter Kindern aus den unteren sozialen Schichten sehr weit verbreitet. Einige tragen die Krankheit auch in sich, ohne dass sie ausbricht. Der Arzt schreibt eine lange Liste von Tests auf, die ich machen soll, um Tuberkulose ausschließen zu können. Ich soll am nächsten Morgen wiederkommen.

Im Taxi befällt mich die Angst. Was ist wenn? Ich bin alleine!

Ich komme im Kloster an. Mami macht mir auf. „Was ist los?“, fragt sie. Ich erzähle und mir kommen die Tränen. Sie hält mich lange und fest im Arm, bis ich aufhöre zu weinen. Diese kleine, starke Frau. Wie gut, dass sie in dem Moment da ist. Ich rufe zu Hause an. Ich bin verzweifelt. Mir ist alles zu viel. Meine Mutter fällt aus allen Wolken. Wir versuchen uns gegenseitig zu beruhigen. Bevor die Tests nicht gemacht sind, macht alles andere sowieso keinen Sinn. Ich treffe auf die Obernonne. Ich erzähle ihr, was im Moment bei mir los ist. „Aha“, sagt sie. „Und was machst du heute noch?“ „Ich gehe schlafen“, antworte ich. „Na, dann ruh dich mal gut aus“, sagt sie und lächelt. Ich sitze in meinem Zimmer und versuche zur Ruhe zu kommen. Irgendwann schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen werde ich um 7 Uhr vom Anruf meiner Mutter geweckt. Sie hat im Internet geforscht und macht sich Sorgen. Es sei vielleicht besser, mich einweisen zu lassen. Schon allein aus Gründen der Versicherung. Ich rufe die deutsche Ärztin an. Sie ist erstaunt, dass mir der Arzt seinen Verdacht gleich mitgeteilt hat. Sie halte es auch für besser, wenn ich in die Klinik gehe und sie kümmere sich um alles. Jetzt geht alles ganz schnell. Ich packe meine Sachen, telefoniere viel, sage den Mamis Tschüss, gehe zur Obernonne und sage, dass ich jetzt ins Krankenhaus fahre. „Melde dich, wenn du ankommst. Morgen komme und besuche ich dich.“ Ich halte mit meinem Koffer in der Hand ein Taxi an und fahre zur deutschen Ärztin. Sie begleitet mich ins Krankenhaus.
Ich werde sofort in einen Rollstuhl gesetzt und zum Ultraschall gefahren, danach wird meine Lunge geröntgt und mir wird Blut abgenommen und eine Flüssigkeit unter die Haut gespritzt. Wenn innerhalb von 48 Stunden nichts passiert, habe ich kein TBC.
Danach komme ich endlich in mein Zimmer.

Die deutsche Ärztin kommt jeden Tag zwei Mal vorbei und guckt nach mir. Ich bin sehr froh, dass sie für mich da ist. Viele liebe Anrufe kommen jeden Tag. Mami und Angella gehen nachts auf die Strasse und rufen mich von einer Telefonzelle aus an. Vom Kloster aus dürfen sie nicht telefonieren. Mama Lou kann nicht anrufen. Ihre Schmerzen sind zu stark, als dass sie weit laufen könnte. Dann die Erleichterung. Ich habe kein TBC. Ich habe eine Dünndarmentzündung (deshalb das Fieber) und eine nervöse Nervenstörung, sowie Allergien und meine zerstochene und offene Haut, die langsam beginnt zu heilen. Die Obernonne kommt mich nicht besuchen. Weder am nächsten Tag, noch an einem anderen Tag. Sie ruft auch nicht an. Ich bin eine Woche im Krankenhaus. Ich schlafe unglaublich viel. Vanessa besucht mich und auch die deutschen Freiwilligen kommen.

“Mir reicht’s”

„Geh da raus!“, sagt mir die deutsche Ärztin. „Geh da raus!“, sagen mir die deutschen Freiwilligen. Ich denke viel nach. Ich fasse den Entschluss, dass ich aus dem Programm der Franziskaner aussteigen werde. Ich habe gekämpft. Ich habe es in Ermelinda versucht. Ich habe versucht, das Beste aus der gegebenen Situation zu machen. Daraus, dass die Obernonne, die für mich verantwortlich ist, in all der Zeit, die ich dort bin, nicht einen Finger für mich gerührt hat. Ich habe mich durchgebissen, Stück für Stück. Mir reicht es!

Ich bin überfordert! Ich schaffe es nicht. Mein Körper schreit Stopp! Ich bin zu vielem bereit, aber wenn meine Gesundheit auf dem Spiel steht, ziehe ich einen Schlussstrich. Ich will nicht mehr. Ich will nicht mehr als freiwillige für die Franziskanerinnen arbeiten. Es gibt auch tolle Nonnen hier, aber für eine Freiwillige ist dieses Projekt noch nicht ausgereift. Es fehlt an Struktur. Ich bin ins kalte Wasser geworfen worden und musste zusehen, wie ich alleine darin schwimmen lerne.

Aber ich bin nicht hierher gekommen, um im kalten Wasser zu schwimmen. Ich erwarte nicht, dass mich jemand ununterbrochen begleitet und unterstützt, aber ich erwarte, dass mich jemand, zumindest am Anfang, ein bisschen an die Hand nimmt.

Wie geht es jetzt weiter? Nach Hause will ich noch nicht. Was soll ich denn dann dort machen? Nach einer Woche werde ich entlassen. Ich fühle mich wieder gut. Theresa holt mich ab. Sie ist in der Zeit, in der ich im Krankenhaus war, oft gekommen. Abends, nach der Arbeit. Sie fährt mit dem Bus fast eine Stunde. „Ich habe dich sehr gern. Ich komme gerne.“ Wir reden über ihre Arbeit, darüber, dass sie unglücklich im Kloster ist. Sie spart gerade und in ein paar Jahren, wenn sie genug Geld zusammen hat, will sie kündigen, sich eine kleine Wohnung nehmen und eine Schneiderei eröffnen. Sie lebt von 60 Soles im Monat. Das sind umgerechnet rund 15 Euro.

Ich werde von den Mamis herzlich empfangen. Mama Lou hat Unmengen von meinem Lieblingsessen gekocht und wir sitzen lange in der Küche und erzählen. Es tut gut, bei ihnen zu sein, aber ich fühle mich nicht mehr zu Hause. Das absolute Desinteresse der Obernonne hat bei mir seine Spuren hinterlassen. Ich treffe sie im Flur. Sie umarmt mich. Ich entziehe mich der Umarmung. Kein Wort, warum sie sich nicht gemeldet hat. „Ich fahre jetzt zu meinen deutschen Freundinnen“, sage ich. „Wann kommst du wieder?“ „Ich weiss es noch nicht, aber spätestens am 3. Januar“. Ich packe meine Sachen mal wieder und fahre mit dem Taxi zu den Deutschen.

Innerhalb von zwei Tagen sind auch die letzten Symptome meiner Krankheit verschwunden und mir wird immer mehr klar, dass ich nicht zurückkehren werde. Mein Körper gibt mir sehr deutliche Signale. Signale, wann meine Grenze erreicht ist.

Ich habe mit dem Chef von den deutschen Freiwilligen gesprochen, ihm meine Situation geschildert und gefragt, ob ich bin zu meinem Rückflug dort wohnen bleiben darf. Er sagt sofort ja und bietet mir sogar an, als Freiwillige mitzuarbeiten.

Ich stiefel momentan von Reisebüro zu Reisebüro und hole unterschiedliche Angebote ein. Die Mitarbeiter sind immer sehr geschockt, wenn ich erkläre, dass ich auf keinen Fall fliegen werde. Ich habe meine Flugangst zwar mittlerweile halbwegs im Griff, aber wenn es sich vermeiden lässt, dann fliege ich auch nicht. Lieber fahre ich die 18-24 Stunden im Bus.

Gestern habe ich meinen Rückflug gebucht. Am 20.3.2008 komme ich um 6:40 Uhr am Frankfurter Flughafen an.

Ich habe bis jetzt sehr viel hier gelernt, sehr viel gesehen und sehr viel gehört. Aber am allermeisten habe ich über mich gelernt.
Ich habe gelernt, dass ich mich auf mein Gefühl verlassen kann. Ich habe gemerkt, dass ich meine Grenzen spüre und dass ich in mich hineinhören kann und weiss, was ich will und was das Beste für mich ist.

Das ist eine der vielen Sachen, die ich aus Peru mit zurück nach Deutschland mitnehmen werde. Ich bin sehr froh, dass ich diese innere Sicherheit habe. Allein dafür hat es sich gelohnt diesen Weg zu gehen. Vieles war bis jetzt nicht einfach und doch kann ich sehr sicher sagen, dass es genau das Richtige war. Ich bin viel gestolpert und war sehr viel auf der Suche, aber ich konnte immer auf mich trauen, mir sicher sein. Ich ruhe in mir und das ist ein sehr gutes Gefühl. Ein Gefühl, das trägt.

hannah2kl.jpgBis zum 3. Januar bin ich bei den deutschen Freiwilligen; Steffi, Magda und Maren. Mein Weihnachtsfest war diesmal vollkommen anders als sonst, aber sehr schön. Am 24. Dezember haben wir gemeinsam Semmelknödel mit Rouladen und Gemüse gemacht. Wir haben den Esstisch auf die Terrasse getragen und alles mit Blumen und Kerzen dekoriert. Die Hängematte haben wir mit Geschenken gefüllt und abends haben wir Pisco Sour (DAS „Nationalgetränk“) gemixt. Nach dem Essen liest Maren die Weihnachtsgeschichte vor und anschließend singen wir Weihnachtslieder. Erschrocken müssen wir feststellen, dass wir fast jedes Mal nach spätestens der zweiten Strophe aufgeben müssen, weil wir den Text nicht auswendig können. Dann packen wir die Geschenke aus. Unsere peruanischen Freunde kommen. Um Mitternacht wird ganz Tablada von einem gewaltigen Feuerwerk erleuchtet. Es ist wunderschön. Wir singen und später werden die Boxen rausgestellt und bis zum nächsten Morgen um 8 Uhr wird noch getanzt.

Silvester: Zelten am Pazifikstrand

Maren und Steffi verlassen das Haus am zweiten Weihnachtsfeiertag, um mit ihren Freunden, die aus Deutschland kommen, reisen zu gehen. Magda und ich machen uns gemütliche Tage und am 31. Dezember fahren wir gemeinsam mit Eric, Magno und Javier an den Strand zum Silvester feiern. Wir treffen uns nachmittags und kommen, so wie es sich für die Südamerikanische Art gehört, fast drei Stunden später los, als wir geplant haben. Wir fahren bepackt mit unseren Zelten und Schlafsäcken zum Supermarkt und kaufen Essen und Getränke ein. Mit dem Taxi fahren wir dann fast zwei Stunden bis ans Meer. Es ist schon dunkel, als wir ankommen. Am Strand sind viele Menschen, die vor ihren Zelten Lagerfeuer machen und von überall ertönt Musik und Gelächter. Wir bauen unsere Zelte im Dunkeln auf und gehen Holz für das Lagerfeuer kaufen. Wir grillen, trinken, gehen am Meer spazieren und erzählen. Um kurz vor Mitternacht schreibt jeder für sich seine Wünsche für das kommende Jahr auf und um Mitternacht werfen wir die Zettel ins Feuer. Dann wird getanzt und erzählt bis morgens um halb sieben.

Mittags bade ich zum ersten Mal im Pazifik und verbrenne mich auch gleich an der unerbittlichen Sonne. Das Zurückkommen ist schwerer als gedacht. Wir stehen lange an der Panamericana Sur (vergleichbar mit dem Standstreifen einer deutschen Autobahn). Autos und überfüllte Busse rasen vorbei. Nach über einer Stunde können wir uns mit viel Körpereinsatz in einen Bus quetschen, der uns zurück nach Lima bringt.

In den darauf folgenden Nächten gehen meine typischen Flugangstträume wieder los. Ich bin nervös und unausgeruht. Wer wäre das nicht, wenn man mehrmals in der Nacht in einem Flugzeug vom Himmel fällt? Am 3. Januar komme ich abends zurück ins Kloster. Das ist jetzt vollkommen überfüllt und Mama Lou muss jetzt für über 100 Nonnen kochen. Gott sei Dank, hilft ihr wenigstens ihre Kusine. Am nächsten Tag geht meine Reise nach Sao Paulo los. Ich bin angespannt wegen des Flugs, aber freue mich unglaublich, meine Patentante zum ersten Mal in meinem Leben zu treffen. Und ich freue mich darauf, das Land und die Menschen kennen zu lernen mit deren Liedern ich aufgewachsen bin. Und die mit einem wichtigen Lebensabschnitt im Leben meiner Eltern verbunden sind, die von 1984 bis 1986 in Sao Paulo gelebt haben.

Aber davon schreibe ich euch in den nächsten Tagen, denn Brasilien ist nochmal ein Teil für sich.

Ich hoffe, ihr seid alle gesund und euch geht es gut.

Fühlt euch umarmt

Hannah Nelita


Thema: Hannah in Südamerika | Veröffentlicht am 31. Januar 2008 um 13:44 | | Trackback
  1. P:Neustadt

    am 07. Februar 2008 um 07:26:

    Hallo, ich bin dabei mit einer 7.Realschulklasse im WPU-Unterricht eine Schülerzeitung zu schreiben.Die ersten 3 Ausgaben sind erschienen, waren aber ein mäßiger Erfolg.Vielleicht könnten wir noch in euer Projekt einsteigen?Außerdem unterrichte ich noch Powi in der Klasse, da wäre Zeitungslektüre auch von Vorteil?
    mit der Hoffnung auf positiven Bescheid verbleibe ich mit freundlichem Gruß
    Peter Neustadt
    Klasse 7c
    Michael-Ende-Schule
    Niddagaustraße 29
    60489 Frankfurt am Main
    p.s.auf anderem Weg konnt ich nichts senden?

  2. oscar

    am 28. Mai 2009 um 20:32:

    Hannah’s mich wieder, wenn Sie können Bilder überall conceguirte Oscar Lima Peru nur noch eine Nachricht zu senden chileno2313@hotmail.om Dies ist meine E-Mails oder E-Mail, wenn Sie auch diese Nummer ist 991829300 wenn Lima Peru? indicsas Bild von mir, dass Sie und Befehle, die Sie per E-Mail. Bucht

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