Jan28

Ehrenrunde und Abkürzung

Sitzen geblieben und eine Klasse übersprungen: Zwei FRiSCH-Reporter berichten

Ich, Tim Zender, 18 Jahre, muss ein ganzes Jahr länger zur Schule gehen als „die Anderen“ – eine bittere Aussicht. Doch das Wiederholen eines Schuljahrs hat nicht nur Nachteile. Wenn man am ersten Schultag in die neue Klasse kommt, tritt man zunächst als Einzelgänger an. Man will nur das eine Jahr so schnell wie möglich hinter sich bringen, die Klassengemeinschaft ist einem egal.

Doch jeder, der schon einmal sitzen geblieben ist, weiß, dass das nicht so bleibt. Man lernt „die Kleinen“ kennen und merkt den Altersunterschied. Auch das ändert sich sobald der Klassenlehrer zu dir kommt, um dich daran zu erinnern, dass du doch als Vorbild dienst und immer schön die Verantwortung mit übernehmen sollst – quasi als rechte Hand des Chefs. Das ändert aber nichts am Stellenwert des „Wiederholers“ in der Hierarchie des deutschen Schulsystems.

Generell zeigt es sich, dass „Wiederholer“ oft viel an Reife und Erfahrung im Umgang mit den Jüngeren dazu gewinnen, gerade in der Mittelstufe. Eine Erfahrung, die viele nicht missen wollen. Die schulische Seite des Wiederholens ist meist um einiges unschöner – man beherrscht den Stoff in den Problemfächern noch nicht, deshalb wiederholt man ja. Trotzdem holt der Lehrer oftmals das Totschlag-Argument „du musst das doch wissen, das hast du doch alles schon einmal gemacht!“ aus der Tasche. Unabhängig von der eigentlichen Intelligenz und Kompetenz des Schülers, wird man ein ganzes Lebensjahr zurückgeworfen.
Das merkt man mit der Zeit, wenn man einmal sitzen geblieben ist. Wenn sich die wiederholten Jahre summieren, gerät man immer mehr in die Enge: für Oberstufen ist man schon „zu alt“, die Freunde machen bereits ihr Abi, während man selbst noch in den Anfängen der Oberstufe feststeckt.

Das Wiederholen kann eine Chance sein, wertvolle Erfahrungen zu sammeln, mit denen man das ganze Leben lang etwas anfangen kann. Dennoch ist es bedauerlich und ein Fehler im System, wie viel Potenzial bei der Ehrenrunde auf der Strecke bleibt.

Ich, Elisabeth Böker, 19 Jahre, übersprang die 9. Klasse, weil ich die Schule hasste. Gründe waren eine unsoziale Klasse, in der man als gute Schülerin nicht akzeptiert wurde, Unterforderung und inkompetente Lehrer. Die einzige Möglichkeit, wieder mit Freude in die Schule zu gehen, sah ich im Überspringen einer Klasse. Über meinen Wunsch sprach ich mit einer sehr engagierten Lehrerin. Sie unterstützte mich und kümmerte sich um das Organisatorische.

Nach einigen Gesprächen und der Zeugniskonferenz am Schuljahresende stand fest, dass ich nach den Sommerferien von der 8. in die 10. Klasse wechseln durfte. Die Fachlehrer meiner neuen Klasse fragte ich, welche Unterrichtsinhalte ich erarbeiten soll. In den Ferien brachte ich mir in zweieinhalb Wochen eigenständig Mathe bei, lernte den lateinischen Konjunktiv, paukte Vokabeln und las Schulbücher, um das Jahr problemlos aufzuholen.

Im Rückblick kann ich sagen, dass ich froh bin, mich fürs Überspringen entschieden zu haben. Erstens, weil ich in eine Klasse kam, die mich schnell integrierte. Zweitens, weil ich so noch nach dem alten Kurssystem mit zwei Leistungskursen mein Abitur ablegen konnte. Doch muss gesagt werden, dass ich anfangs mehr lernte und arbeitete als zuvor. Für ein Jahr weniger Schule nahm ich das aber gerne in Kauf.

Eure Erfahrungen mit der „Ehrenrunde“?


Thema: Bildung | Veröffentlicht am 28. Januar 2008 um 11:46 | | Trackback
  1. jan.twoday.net

    am 11. Februar 2008 um 02:31:

    G8 - Ein Pamphlet…

    Schule war für mich immer etwas Lockeres. Die Grundschule war lässig. Irgendwann wurde es doch ein bisschen stressig, da habe ich einfach ein Jahr wiederholt. Danach war alles wieder sehr entspannt. Die Noten waren waren sowieso Sahne. Es war…


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