Kein Bock auf Physik
Kein Wunder, dass es Deutschland an Ingenieuren mangelt. Gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern bleiben zu viele Schülerinnen und Schüler auf der Strecke. Liegt es am Stoff selbst (zu kompliziert) oder am Unterricht (zu trocken)?
FRiSCH-Reporterin Leyla Sophie Gleissner, 16 Jahre, schreibt: “Anders als in Fächern wie Religion, Musik oder Kunst zählt Individualität in den gefürchteten Naturwissenschaften wenig. Kreativität und eigene Auffassung der Schüler sind hier deutlich weniger gefragt. Es geht um schnelles Verständnis und die sofortige Anwendung der neu gelernten Formeln. Zeit zum Diskutieren bleibt leider nicht.”
“Hinzu kommt”, kritisiert Leyla, “dass in diesen Fächern immer wieder Spezialisten eingesetzt werden, denen es nicht an Fachwissen, aber an pädagogischem Fingerspitzengefühl mangelt. Sie können den Stoff einfach nicht an den Schüler oder die Schülerin bringen. So entstehen immer wieder Lücken, die ein nicht ganz so flinker Schüler mühsam und mit Hilfe der Eltern oder teurer Nachhilfe füllen muß.
“Warum um Himmels Willen ist es so wichtig, über die physikalischen Gesetze Bescheid zu wissen, wenn ich sie doch nie brauche!”, fragt FRISCH-Reporterin Katharina Wiesenbach, 17 Jahre: “Ich stehe ja nicht einfach so vor einem Gewichtheber und rechne aus mit wie viel Kraft das Gewicht gehoben wird. Es ist wie mit der Mathematik, es steht ja auch keiner vorm Einkaufsladen und rechnet die Wurzel des Rechnungsbetrags aus. ” Katharina kann “Physik einfach nicht ausstehen. Nicht unbedingt, weil der Unterricht so schlecht ist oder der Lehrer es einfach nicht drauf hat. Nein, bei mir geht es ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder heraus. Ich strenge mich auch nicht wirklich an – es ist sinnlos!”
Wann habt ihr die Lust auf Mathe, Chemie, Bio und Physik verloren?
Oder sind das etwa eure Lieblingsfächer? Was müsste sich ändern, damit mehr Schülerinnen und Schüler den Unterrichtsstoff kapieren?






Der kategorische Imperativ
am 24. September 2007 um 08:40:Chemie habe ich gleich nach der 11 abgewählt, weil ich einfach nichts verstanden hatte. Ich will nicht sagen, dass ich mir besonders Mühe gegeben hatte, aber da ich gleich zu Beginn meiner Chemiker-Karriere einen miesen lehrer hatte gab es von vornerein keine Hoffnung für mich. Physik behielt ich ein zusätzliches Jahr, aber auch das war nicht mein Fall. Allein Bio und Mathe waren die Fächer die ich gerne und auch gut konnte - bis auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Es ist wohl nahe liegend, dass also nur die Bereiche der Naturwissenschaft Spaß machen können, die auch plastischer sind und irgendwie einen Bezug zur Realität des Durchschnittsmenschen haben. Die Unschärferelation habe ich zwar verstanden, aber bisher hat sie mir noch nichts gebracht.
DkI
Gerd Gräber
am 24. September 2007 um 10:53:Mein Name ist Gerd Gräber, und ich bin Ausbildungsbeauftragter für Chemie am Studienseminar in Heppenheim, somit zuständig für die Ausbildung von jungen Chemielehrern. Ich nehme Bezug auf den Artikel in der FR vom 24.9.07, S. 29-Glücklich ganz ohne Chemie- Frisch-Reporter erklären ihr Scheitern in naturwissenschaftlichen Fächern.
Gestern abend hatte mir ein Kollege in Ausbildung (früher: Referendar, heute neudeutsch: LiV) seinen Unterrichtsentwurf zugeschickt, der neben den zu erwartenden heutigen Unterricht im GK 12 Grundlage für die weitere Beratung in der Ausbildung sein soll. Sein heutiges Thema (13:15-14:00) wird sein: Abbau von Alkohol im menschlichen Körper. Einstiegsfolien werden Biertrinker beim Oktoberfest zeigen, Lernziele u.a. die “genetische bedingte Alkoholempfindlichkeit von Menschen im ostasiatischen Raum”. Experimente sollen die Oxidation des Ethanols zum Ethanal zeigen (mit Reaktionsgleichung), und die Schüler sollen Schemata erarbeiten, wie die in der Leber ablaufenden Reaktionen bei den Alkoholkonsumenten ablaufen können. Die LiV (Chemie/Mathe) bemüht sich hier um einen Alltags- und Lebensweltbezug und scheut sich auch nicht, als Nichtbiologe ein biologisch heißes Thema im Chemieunterricht anzupacken!So oder so ähnlich passiert mir dies in der Ausbildung neuer Kollegen derzeit etwa 2-3mal die Woche.
Da erstaunen mich dann doch die Aussagen in der FR: “…dass in diesen Fächern immer wieder Spezialisten eingesetzt werden, denen es nicht an Fachwissen, aber an pädagogischem Fingerspitzengefühl mangelt. Sie können den Stoff einfach nicht rüberbringen. “, …”Liegt es am Stoff selbst(zu kompliziert) oder am Unterricht (zu trocken)?”,…”Der Unterricht ist zu alltagsfern”, etc. Die Bildunterschrift “Chemietest: Wieviel Mol hat das Molekül? ” (etwa genauso sinnvoll wie der umgangssprachliche Ausdruck “Ämol is kämol!” zeigt, wie wichtig die im Artikel angesprochene Fachlichkeit des Lehrers sein muss!
Katharina schriebt nun in ihrem Artikel “Nein, bei mir geht es ins eine Ohr rein und aus dem anderen Ohr wieder heraus” und weiter: “ich strenge mich auch nicht wirklich an- es ist sinnlos!” Ich denke, dass damit wirklich das eigentliche Problem im heutigen NaWi-Unterricht angerissen wird - die Sinnfrage! Wozu soll ich als S. mich mit Stromkreislauf und Glühbirnchen und dann auch noch mit der zugehörigen Widertstandsberechnung beschäftigen? Wenn mein MP3 nicht funktioniert, schmeiß ich in weg! Alles, was ich lerne, kann ein anderer vor mir besser, schneller und exakter und der verdient damit auch noch das Geld!! Neugier als Triebkraft von eigenem, persönlichkeitsbildendem Lernen, einen Sinn im Tun (auch wenn es schwer ist) sehen, das wünsche ich mir!!!
Gruß
Gerd Gräber
Der kategorische Imperativ
am 24. September 2007 um 11:58:Hallo Gerd Gräber!
Ich bin absolut Ihrer Meinung, ohne Einschränkungen. Nur gibt es dabei eine Kleinigkeit, die man nicht übersehen darf. Ich will Ihr Beispiel aufgreifen. Der LiV ist absolut engagiert, so wie es sich anhört. So ein Unterrichtsentwurf klingt toll und er wäre sicherlich sehr motivierend für Schüler. Sie fordern ja:
“Neugier als Triebkraft von eigenem, persönlichkeitsbildendem Lernen, einen Sinn im Tun (auch wenn es schwer ist) sehen, das wünsche ich mir!!!” (s.o., Schlusssatz)
Ich bin der Meinung, dass es in erster Linie am Lehrer liegt, den Schüler für ein Fach zu motivieren - die geforderte Neugier ist dann automatisiert. Denn was einem gefällt, das will man auch weiter verfolgen. Allerdings! bringt es nichts, wenn man in der Oberstufe plötzlich engagierten Lehrern begegnet, wenn man sich durch die Mittelstufe schleifen musste. Zuerst muss Schülern dass Fach auch so nahe gebracht werden, dass sie wenn’s komplizierter wird nicht denken: “Ich hab doch schon das Periodensystem nicht verstanden, wie soll ich dann die Osmose verstehen?”
Und eben das bemängelnd Schüler wie Katharina oder auch, wenn auch ehemalige Schüler, ich, nämlich, dass es gerade in naturwissenschaftlichen Fächern auffalend oft den Lehrer(innen)an der nötigen Pädagogik fehlt.
DkI
FRiSCH-Red.
am 24. September 2007 um 14:41:Die Experimente sind ja gerade das Einzigartige an Physik, Chemie, Bio: Schutzbrille auf, Bunsenbrenner an, Chemikalien gemischt, Stromkreis verbunden, Wurm seziert etc.
Je alltagsnäher,umso besser.
Manchmal auch mit unerwartet explosivem Ausgang, das erhöht die Spannung. Experimente zum Mitmachen, das klingt nach einer guten Ausgangslage für die naturwissenschaftlichen Fächer.
Doch dann kommt die Theorie, und bei der steigen zu viele Schülerinnen und Schüler bereits zwischen der 8. und 10. Klasse aus. Es sind eben komplizierte Zusammenhänge, die man nicht unbedingt sofort kapiert. Vielleicht erst bei der zehnten Erklärung. Aber wer fragt schon so lange nach…
hannah
am 24. September 2007 um 20:00:ich würde über mich selber sagen, dass ich wirklich überhaupt nicht naturwissenschaftlich begabt bin. Ich habe das Gefühl, besonders in Chemie, das Thema von Anfang an nicht begriffen zu haben. Aber wenn ich ehrlich bin, liegt das auch an meiner mangelnden Motivation. Ich bin ehrlicherweise gar kein bisschen interessiert an diesen Fächern. Mir ist auch nicht klar, wieso ich mich bis zur 12. Klasse (auf unserer Schule ist das so) damit herumschlagen muss und ich habe auch schon von Fällen gehört, die das Jahr wiederholen müssen auf Grund dieser Fächer, obwohl sie in anderen Bereichen überhaupt gar keine Probleme haben.
Zusammmengefasst bin ich dir Meinung, im deutschen Schulsystem wird viel mehr auf naturwissenschaftliche Fächer der Schwerpukt gesetzt, somit haben es sprachbegabte Schüler wie z.B. ich selbst schwerer.
Dieter Hoffmann
am 24. September 2007 um 20:33:Hallo,
Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen:
- einerseits sind Wissens-Shows (wer-wird-Millionär, Pisa-Shows) sowie Wissenschafts-Shows (Quarks, Clever, Nano, Galileo etc) seit einiger Zeit total in und haben auch bei den Privatsendern die nötigen hohen Einschaltquoten,
- andererseits haben diese sogenannten “Nebenfächer” Physik und Chemie oft ein Horror-Image bei den Schülern. Gründe sind leider oft die negativen persönlichen Erfahrungen der Kids - sie erleben diese Fächer nur einziges Mal, die schlechten Eindrücke bleiben lange eingeprägt.
. Hauptursache: Riesenklassen von 31 bis 33 Schülern; selbstständiges Experimentieren? Seltenst möglich! Wie viel (oder besser: wie wenig) Zeit bleibt dem Lehrer, um sich jedem einzelnen Schüler widmen zu können???
. Häufiger Lehrerwechsel - Fachlehrer in Physik und Chemie sind rar: vielfach werden nur Löcher gestopft, oft mit Hochschulabsolventen, die sonst keine Stelle fanden. Pädogische Kontinuiät oder Beachtung schulinterner sinnvoller Absprachen - keine Spur davon !!!
. Schulischer Physik- und Chemie-Unterricht ist keine Show bei “Clever”, eine Portion mehr hinterfragen und sogar ein wenig rechnen sollte man schon.
Meine persönliche Meinung ist, dass es in erster Linie auf den/die Lehrer/in ankommt: wenn der/die selbst keine ausstrahlende Begeisterung mehr zeigt - wie soll er sie dann von den Kids erwarten? Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück. Nur scheint das Echo von heute müde geworden zu sein - eigentlich kein Wunder bei der täglichen Dauerberieselung aus den Ipods, dem ständigen Handy-Bimmeln, den neuesten Videoclips von You Tube oder den nachmittäglichen Soap-Serien in der normalen Glotze. Schöne neue Technik-Welt! Aber wissen zu wollen, wie sie funktioniert - bei den Meisten kein Bock auf gar nichts, lieber besaufen und zumüllen lassen. Diese Sattheit ist das Grundübel.
Übrigens Bock: da hat Eure Redaktion passend zum Thema bei der Bildunterschrift einen schönen Bock geschossen: Zitat “Chemie-Test: Wieviel Mol hat das Molekül? Wau - das tut weh: Sinn macht eigentlich nur die umgekehrte Frage: Wieviele Moleküle enthält ein Mol? Klugscheißer weiß es: 6,02 mal 10 hoch 23 Stück. Die umgekehrte Frage wäre zu hinterhältig, hier als Antwort den Bruch zu erwarten.
ciao
Dieter Hoffmann
Gerd Gräber
am 25. September 2007 um 10:06:Lieber kI
(ich hoffe, dass die Begrifflichkeit nicht im wörtlichen Sinne als Befehlsform, sonder im Kantschen Sinne gemeint ist! sei’s drum:)
-die Analyse einer Sachlage oder situativen Gegebenheit setzt zunächst eine urteilsfreie Auflistung voraus. Erst dann sollte bewertet werden(!)
(…dass es gerade in naturwissenschaftlichen Fächern auffallend oft den Lehrer(innen)an der nötigen Pädagogik fehlt.”) Diese Behauptung kann nicht unwidersprochen bleiben. Sie ist genauso falsch, wie der oft von Lehrerseite immer wiederkehrende Vorwurf, dass Schüler nichts lernen wollen! (permanentes Memorieren erhöht nicht den Wahrheitswert!)
Lehrer kann man nicht werden, ohne sich professionell mit den aktuellen Fragen der Pädagogik auseinander zu setzen (man frage dazu die Referendare!). Und auch die von Dieter Hofmann geäußerte Bemerkung, dass oftmals Hochschulabsolventen ohne päd. Ausbildung Löcher stopfen würden ist schlichtweg für die Chemie/Physik falsch. Hier darf nur experimentellen Unterricht erteilen, wer 1. und 2.Staatsexamen besitzt (man lese im HlBG nach!). Hier werden leider zu oft die Tatsachen vermischt oder die Fakten aus Unkenntnis heraus bewertet (s.o.).
Meiner Meinung nach kommen wir dem Problem also auf diese Weise nicht nahe. Wir sollten es vermeiden, was leider in der Öffentlichkeit heute absolut “in” ist, gegenseitig Unterstellungen zuzuschieben sondern an den bestehenden Gemeinsamkeiten in der Schule ansetzen.
(…Ich bin der Meinung, dass es in erster Linie am Lehrer liegt, den Schüler für ein Fach zu motivieren - die geforderte Neugier ist dann automatisiert. )Lehrer sollten Schüler dort abholen,wo sie stehen und Schüler umgekehrt den Lehrer als einen professionell arbeitenden Menschen begreifen, der für sein (naturwissenschftliches) Fach steht und die Kompetenzen der Schüler entwickelt. Was bringe ich selbst als Schüler ein, um mich dem Fach zu nähern? Eine, wie auch immer geartete und oft zitierte “Kein Bock auf …”-Haltung von allen Seiten wird uns nicht weiterbringen.
Und dann: Wertschätzung des eigenen Tuns, der eigenen Arbeit, auch wenn sie vielleicht unvollkommen ist und von anderen vielleicht besser gemacht werden kann! Das was ich tue, ist ein Teil von mir (man denke an den Schrank des Schreiners und vergleiche das Produkt mit der Lösung meiner Matheaufgabe!)Dazu noch ein Beispiel aus einem meiner GK13 (Chemie): Das Ätzen von Kupferplatinen ist eine Anwendung der gelernten Kenntnisse der elektrochemischen Spannungsreihe. Nach 2 Stunden praktischer Arbeit, Schaltkreise wurden aufgezeichnet, mit Lack nachgezogen, Platinen im Eisen(III)-chloridbad geätzt, habe ich 5 Platinen schließlich im Abfalleimer wiedergefunden! Natürlich können’s die Mitarbeiter von Bill Gates besser - aber was lernen wir daraus?
Herzlichst
Gerd Gräber
Godwael
am 25. September 2007 um 10:57:Mhm, im Grunde im Grunde illustriert der Artikel das Problem doch ganz gut: Da wird beklagt, dass “Individualität” in den Naturwissenschaften nicht zähle.
Was im Grunde nichts anderes bedeutet als dass man in den Naturwissenschaften auch mal ein bisschen mehr bringen muss als nur blöd vor sich hin zu quatschen. In den anderen Fächern geht das, da kramt der Lehrer auch aus dem letzten Gequase die halbwegs tiefsinnigen Bröckchen raus und benotet sie - individuell.
Das mangelnde Interesse an Naturwissenschaft hat weniger mit schlechten Lehrern zu tun oder geringem Alltagsbezug, erstere gibt es in allen Fächern und letzteres kann man wohl kaum beurteilen, wenn das Thema “ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder heraus” geht (liegt’s vielleicht am Hohlraum dazwischen?).
Das Chemie-Gejammer ist einfach eine Modeerscheinung, die weithin genutzt wird, um die eigene Denkfaulheit zu rechtfertigen. Es gibt mehr als genug Schüler, die sich ernsthaft mit Chemie befassen und auch zu Ergebnissen kommen (nur eben nicht sofort und ohne Aufwand). Denen wird nur keine ganze Seite in der FR gewidmet.
Der kategorische Imperativ
am 25. September 2007 um 11:32:Und wieder würde ich Gerd Gräber zustimmen, wenn da nicht wieder eine Kleinigkeit wäre. Nur weil Lehrer Pädagogik gelernt haben, heißt das noch lange nicht, dass sie dies auch in ihren Unterricht umsetzen. Ich meine, klar ist doch auch, dass was ich behaupte natürlich nicht! für alle Lehrer gilt. Und meistens gibt es auch bei den Lehrern, die viele unmotivierte Schüler haben trotzdem ein, zwei oder auch drei Schüler, die es “voll drauf” haben und super Noten kriegen. Aber bei denen erübrigt sich doch das Problem, die können sich selbst motivieren, die wissen, dass sie Spaß am Fach haben können.
dazu Zitat GODWAEL:
“Es gibt mehr als genug Schüler, die sich ernsthaft mit Chemie befassen und auch zu Ergebnissen kommen ”
Es geht nur um diejenigen, die es eben nicht von alleine können, und das ist oft die große Mehrheit.
Ich hatte im übrigen auch Lehrer, die nur zwei Pädagogikscheine machen mussten um Lehrer zu werden. Die waren aus irgendeinem Grund dann sogar meist besser als die anderen, aber ich glaube wenig, dass das was damit zu tun hat. Insofern scheint der pädagogische Teil im Beruf Lehrer nicht mehr der überwiegende zu sein.
Dabei will ich noch etwas in den Raum werfen:
Auffällig oft habe ich im Austausch mit Schülern und Lehrern folgendes gesagt bekommen: Es sind vor allem die älteren Lehrer, die in den Naturwissenschaften den Unterricht eher gähnend langweilig gestalten. Wieder gilt: nicht alle!, aber viele. Einfach aus dem Grund, dass sich wenige gestandene Lehrer an neue belebendere Unterrichtsmethoden wenden. Aber das ist ein muss, bei so Schnappsideen wie G8. Die jungen Lehrer hingegen sind meistens was sowas angeht förmlich vitaler.
Zitat Gerd Gräber “…sondern an den bestehenden Gemeinsamkeiten in der Schule ansetzen.”
Ja! Aber wie oft tauschen sich eigentlich Schulen aus? Wie oft gibt es eigentlich Schülergremien, die sich mit den Lehrern zusammensetzen, um denen zu erklären, was sie bemängeln, und was sie gut finden?
Jetzt würden mir meine Lehrer sagen: Wann soll das denn geschehen? Lehrer sind, davon bin ich auch überzeugt, hoffnungslos mit Arbeit überladen.
Godwael
am 25. September 2007 um 13:21:Zitat Der Kategorische Imperativ:
“Es geht nur um diejenigen, die es eben nicht von alleine können, und das ist oft die große Mehrheit.”
Nein, ich rede eben nicht von denen, die Chemie mögen und können. Ich meine Schüler, die sehr wohl erhebliche Verständnisprobleme haben, sich aber trotzdem ihren Zugang zum Fach hart erarbeiten.
Die gibt’s nämlich auch, aber die werden immer weniger, weil ihnen Leute wie die Autorin des Artikels demonstrieren, dass man sich stattdessen auch ganz bequem zurücklehnen und auf die Chemie schimpfen kann. Und damit auf deutlich mehr Verständnis stößt als wenn man sich tatsächlich bemüht.
Gerd Gräber
am 25. September 2007 um 13:58:Zu DKI und Godwael (s.o.)
(”Insofern scheint der pädagogische Teil im Beruf Lehrer nicht mehr der überwiegende zu sein”.)
Wer hat sich von Euch mit Lehrerausbildung beschäftigt? Befragt doch einfach mal Eure Referendare dazu, was da so in Pädagogik, Psychologie, Fachdidaktík, Schulkunde, Recht, Diagnostik (DFB), Erziehen Beraten Betreuen (EBB) usw. alles zusammenkommt (abgesehen von. Ich breche eine Lanze für meine LiV (wenn dies an dieser Stelle hier nicht tun!) und behaupte, dass die locker auf eine 60 Stundenwoche in ihrer Ausbildung kommen (Schulpraktik eingeschlossen)!
(”Nur weil Lehrer Pädagogik gelernt haben, heißt das noch lange nicht, dass sie dies auch in ihren Unterricht umsetzen.”)
Ich bitte Euch, Lehrer ist ein Beruf! Das dann wie bei einem Mediziner, bei dem auch nicht jeder, der eine Aspirin nehmen kann dem anderen den Bauch aufschneiden zu können vorgibt! Das Problem in der Öffentlichkeit wird dadurch sehr schön klar. Alle reden inhaltlich mit, blos weil sie selbst mal in der Schule waren (und entscheiden dann auch noch über die Köpfe der Betroffenen hinweg! Aber ich will nicht polemisch werden, denn das verträgt und verdient Eure Sache eigentlich nicht: Die Möglichkeiten miteinander zu reden und von einander zu lernen sollten wir ganz oft nutzen!!!
Nebenbei bemerkt bin ich 52!
Herzlichst
Gerd Gräber
FRiSCH-Red.
am 25. September 2007 um 14:24:Die Schüler lassen sich in 4 Kategorien einteilen:
1. Die kleine Gruppe der Cracks, denen der Stoff zufliegt.
2. Interessierte Schüler, die relativ schnell kapieren.
3. Die es sich hart erarbeiten müssen (Versetzung, Notenschnitt) und wollen, wie von Godwael beschrieben.
4. Die, die bereits resigniert haben.
Möglicherweise richtet sich das Lehr-und Lerntempo zu sehr nach den Schülern der Kategorie 1 und 2 (Denn die Zeit ist knapp, die Klassen sind in den Jahrgangsstufen 7-10 groß, Fachunterricht ist selten.)
Doch die Mehrheit der Schüler tummelt sich (wie Kategorischer Imperativ es sagt) in Kategorie 3. Strampelt und müht sich, um von der Note 4 vielleicht doch noch auf eine 3 zu kommen. Dort müsste die Förderung verstärkt ansetzen.
Nun ja, ob Modeerscheinung und allgemeine Übersättigung oder nicht: Dass ein gewisser Anteil (Kat. 4) völlig auf Kriegsfuß mit den Naturwissenschaften steht, muss man wohl akzeptieren. Ihre Experimentierlust könnte/sollte bereits früher geweckt werden (Kindergarten, Grundschule)
Immerhin: Der Lehrernachwuchs (siehe Beiträge von Gerd Gräber) macht Hoffnung.
Gruß
Die FRiSCH-Redaktion
P.S. Spaß mit Naturwissenschaft: Godwael zeigt auf seiner Homepage (Name in seinem Kommentar anklicken) faszinierende Bilder aus der Nanowelt. U.a. ein Nanoklo ;-)
Godwael
am 25. September 2007 um 15:07:Das mit den vier Kategorien trifft den Punkt meiner Meinung nach ziemlich gut.
Aber gilt das nicht für alle Fächer? Nur die wenigsten Schüler sind überall Kategorie eins oder überall Kategorie vier.
Ist es nicht bei Lichte betrachtet sehr merkwürdig, dass, sobald es um die Naturwissenschaften geht, die Kategorie-4-Schüler als repräsentativ hingestellt werden? Dass sie immer wieder in allen Medien und auf allen Kanälen dem Rest diktieren dürfen, dass sie Naturwissenschaften gefälligst nicht zu mögen haben?
Das mal so als Denkanstoß.
Ich werd mich ab jetzt auch aus der Debatte raushalten, schließlich ist die Frage an Schüler gerichtet, und so einer bin ich (zum Glück) nicht mehr. Allerdings muss irgendjemand einer so offenen Aufforderung zum Naturwissenschafts-Bashing (”Wann habt ihr die Lust an Mathe, Physik und Chemie verloren? Oder sind das etwa eure Lieblingsfächer?”) schon im Interesse aller Naturwissenschafts-begeisterten Schüler entgegentreten.
Der kategorische Imperativ
am 25. September 2007 um 15:52:Kurz GODWAEL:
Wir meinten vorhin das selbe, da haben wir uns missverstanden.
Dann will ich noch etwas klarstellen: Auf keinen Fall bin ich der Meinung, dass es an den Lehrern liegt, dass einige keine Naturwissenschaften mögen. Das wären dann die Gründe:
Zitat: FRISCH-RED.
“(Denn die Zeit ist knapp, die Klassen sind in den Jahrgangsstufen 7-10 groß, Fachunterricht ist selten.)”
Was ich zum Ausdurck bringen wollte, ist dass meiner Meinung nach aber sehr entscheidend ist, wie Lehrer zu Beginn der Naturwissenschaften die Schüler an das Fach ranbringen. Und da ist Pädagogik gefragt. Meine Lehrer haben meine Klasse auch Staubtrocken eingewiesen. Dann gabs 3 oder 4 der Kategorie 1 und 2, dann gabs ein paar wie mich, die sich unwohl gefühlt haben, und dann so im 10,11 Punkte bereich rangiert sind, und dann halt auch die, die schlechter waren - undzwar in der Überzahl.
Wenn die Zukunft aber so aussieht, wie von Gerd Gräber beschrieben, dann wäre das toll.
Wenn man aber auf mein ehemaliges Gymnasium schaut, dann sehe ich aber vor allem Bedarf daran, dass bereits länger daseiende Lehrer sich mehr anpassen müssen und ihren Unterricht nicht so staubtrocken gestalten. Vielleicht war meine Schule einfach ein extremer Einzelfall, aber unsere Lehrer waren alle unheimlich kompetent, nur konnten die den Stoff nicht rüber bringen.
Jetzt will ich noch zwei Dinge ansprechen, um etwas von der Pädagogik wegzukommen.
1.) Gestern Abend saß ich erst mit meinem ehemaligen GeschiLK Lehrer zusammen und auch er war auch der Meinung, dass G8 vollkommener Blödsinn ist. Und so spricht im Prinzip die gesamte Lehrerschaft meiner ehemaligen Schule. Irgendwie scheint G8 bei allen Lehrern und Eltern unbeliebt zu sein. Und U+ sowieso. Sogar ich hatte schon in der 9.+10. Stunde Physik, und das war sehr schwer sich zu konzentrieren. Wie wird das dann bei den G8 Leuten aussehen? Und meistens sinds die Naturwissenschaften, die in den Nachmittagsunterricht fallen.
2.)Wäre es nicht sinnvoll, wenn es ein schulinternes, regelmäßges Treffen zwischen Schülern und Lehrern gibt, bei dem man sich austauschen kann?
DkI
Der kategorische Imperativ
am 25. September 2007 um 15:56:Noch kurz zu GODWAEL:
Ist das so? Sind die Kategorie 4 Schüler repräsentativ? Ich glaube kaum. Nur sind die am auffälligsten und die Problemgruppe. Klar, das man sich in den Medien mit denen beschäftigt.
Es gibt sowieso nicht den represäntativen Schüler. Allerhöchstens so eine Art Durchschnittsschüler, und der wird im wahrsten Sinne des Wortes durchschnittlich sein: Was Noten, Interesse und Motivation angeht. Mal mehr, mal weniger, Themen-, Lehrer- und vor allem Tagesverfassungsabhängig!
DkI
FRiSCH-Red.
am 25. September 2007 um 17:14:@DkI: Beginn der Naturwissenschaften
Zustimmung: Die ersten Halbjahre in den noch neuen naturwissenschaftlichen Fächern entscheiden über Erfolg oder Scheitern.
Dann ein Lehrer, der das Schülerinteresse am Fach als quasi naturgegeben voraussetzt und den Stoff - same procedure as every year - abspult, und die Ausfallquote steigt.
Sehr interessanter Vorschlag von DkI: Fachgremien aus Lehrern und Schülern, die über den Unterrichtsstoff und wie er am besten an den Schüler/die Schülerin gebracht werden kann, beraten. Feedback geben und bekommen, Schüler als Experten für ihren eigenen Lernerfolg ernst nehmen. Es heißt doch seit einiger Zeit, dass die Selbstständigkeit (Autonomie) der Schulen gestärkt werden soll…
Die FRiSCH-Redaktion
Kristin Wendel
am 25. September 2007 um 17:17:Die Naturwissenschaften, das sind die Fächer die mir liegen. Ich würde mich nicht als crack bezeichnen, aber schon interessiert.
Dieses Jahr mein Zeugnis in den Nw
Mathe 1
Bio 1
Chemie 1
Physik 2 (letztes jahr noch 1 -.-)
Das sind die Fächer die mir einleuchten, Regeln ohne Ausnahmen, ganz anders als es im Französischen der Fall ist, wo es scheinbar keine Regel mit nicht mindestens 10 Ausnahmen gibt. Genauso wie Politik und Wirtschaft, Deutsch (Interpretieren, oft Inhalt 5) das alles sind Fächer in denen ich eine absolute Niete bin und wo ich mit ätzen noch auf eine 3 komme. Ich liebe Fächer, die nicht im ermessen des Lehrers liegen, wo die Antwort entweder Falsch oder Richtig ist. Genauso wie in Musik solange man nur die Tonarten bestimmen muss und nicht ein Wort-Ton Verhältnis herstellen muss.
Dementsprechend habe ich mich für die Leistungskurse (11. Klasse) Mathe und Physik entschieden.
FRiSCH-Red.
am 25. September 2007 um 17:59:@Kristin Wendel
Wow, das sind ja super Noten und eine heftige, naja sagen wir lieber ungewöhnliche Kombination der Leistungskurse. Respekt!
Mit Regeln und Zahlen kommst du wirklich gut zurecht. Wie kommts?
Hast du eine Idee, wie den Mitschülern geholfen werden könnte, die sich damit so schwer tun?
Die FRiSCH-Redaktion
Anna
am 25. September 2007 um 21:36:Ich war in der 8.-10. Klasse sehr schlecht in Chemie. Meiner Meinung nach lag das wirklich nur am Lehrer, der es einfach nicht erklären konnte. Denn in der 11. Klasse bekam ich zum Glück einen anderen Lehrer, der mich für das Fach begeistern konnte. Hätte ich diesen Lehrer nicht gehabt, hätte ich kein Chemie studiert!!!
So schnell kann sich das Blatt wenden! Dieser Lehrer hat mir meine Zukunft geebnet und ich bin ihm sehr dankbar dafür!
In Physik dagegen hatte ich leider nur schlechte Lehrer und ich gab das Fach nach der 11. Klasse ab, obwohl ich das Fach sehr interessant fand und mir auch viel Mühe gab.
Die Persönlichkeit eines Lehrers spielt für mich die entscheidene Rolle. Jede Klasse spürt, ob der Lehrer sicher ist oder nicht. Ob er die Klasse mag oder nicht. Ob er gerade Lust hat oder nicht. Ob er gereizt, gestresst, genervt ist oder nicht.
Dies sind jedoch nur meine persönlichen Erfahrungen, die ich in meiner “Schulkarriere” gemacht habe.
Der kategorische Imperativ
am 25. September 2007 um 22:44:Sowas finde ich toll! Obwohl ich glaube, das Du, Anna, noch eher was spezielles bist, weil Du trotz “doofem Lehrer” noch offen für das Fach warst. Viele sind das aber nicht - und meiner Meinung nach auch verständlicher weise. Wenn man nämlich die Grundlagen nicht versteht, dann machts später auch trotz gutem Lehrer keinen Spaß. Das Anna das so super hinbekommen hat finde ich toll. Da kann man sich ein Beispiel dran nehmen und vielleicht auch das zu Herzen nehmen, was Gerd Gräber zu Beginn einmal ansprach: das vieles auch von dem eigenen Interesse abhängt.
Grüße,
DkI
Mona Jaeger
am 26. September 2007 um 16:50:Hallo,
1. ist es sehr schön als Mitglied er FriSch-Redaktion zu sehen, wie viel hier diskutiert wird; sowohl von Schüler- als auch Erwachsenenseite.
2. Sind es nun die Schüler oder die Lehrer, die die Naturwissenschaften so furchtbar erscheinen lassen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich - wie so oft - irgrnedwo in der Mitte.
Besonders Chemie scheint ja auf der Hitliste der “Hassfächer” ganz weit oben zu stehen (der am seltensten gewählte Leistungskurs in Deutschland). Warum gerade Chemie und nicht vielleicht Biologie? Chemie fing, als ich es in der Schule bekam, in der 8. Klasse an. Da werden ein paar Experimente gemacht, die Flüssigkeit wid erst blau, dann grün und es knallt auch mal ordentlich. Doch spätenstens in der 9. und 10. Klasse soll gerechnet werden. Es kommt zum trockenen Teil der Chemie. Viele Schüler steigen hier aus (Grüne dafür wurden ja bereits genug genannt). Und spätestens in der 11. Klasse soll man auf dieses Wissen zurückgreifen oder müsste es sich gegebenenfalls wieder aneignen - das macht kaum einer. Die Folge: Die meisten wählen Chemie nach der 11. Klasse ab. In keiner anderen Naturwissenschaft - so hab ich es erfahren und empfunden - wird so sehr auf altbekanntes zurückgegriffen, die win Chemie. Eine klare thematische Trennung nach Halbjahren ist gar nicht möglich. Als ich für das Abitur im Leistungskurs Chemie gelernt habe, blieb mir gar nichts anderes übrig, als Stoff aus der 8. und 9. Klasse (!!) zu wiederholen.
Wer den roten Faden in der Chemie einmal verloren hat, hat es schwierig, ihn wieder zu finden.
skeptiker
am 26. September 2007 um 19:52:Hi, eine interessante Diskussion zu der ich auch ienen Beitrag leisten möchte, jedoch geht der in eine etwas andere Richtung, die noch nicht so ausführlich anesprochen wurde.
Zuerst möchte ich aber ein paar Zitate noch einmal rauskramen, die gefallen sind, und darauf eingehen:
- Zitat GODWAEL:
“Mhm, im Grunde im Grunde illustriert der Artikel das Problem doch ganz gut: Da wird beklagt, dass “Individualität” in den Naturwissenschaften nicht zähle.
Was im Grunde nichts anderes bedeutet als dass man in den Naturwissenschaften auch mal ein bisschen mehr bringen muss als nur blöd vor sich hin zu quatschen. In den anderen Fächern geht das, da kramt der Lehrer auch aus dem letzten Gequase die halbwegs tiefsinnigen Bröckchen raus und benotet sie - individuell.”
Ja und nein!
Natürlich gibt es einen gewissen Unterschied zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften. Aber dieser ist nicht zwingend so groß, wie du ihn beschreibst. Natürlich zählt in den Naturwissenschaften eher die Logik und in den Geisteswissenschaften die Kreativität (oder eben das “blöd vor sich hin quatschen”), aber nicht nur! Man kann als Lehrer - womit wir wieder bei den pädagogischen Maßnahmen und der Motivationsfähigkeit wären - auch in den Naturwissenschaften kreative Schüler ansprechen. Wenn man z.B. danach fragt, wie ein bestimmter Versuchsaufbau aussehen könnte, dann ist dies oft nicht primär mit Logik zu beantworten. Man muss um die Ecke denken, kreativ sein.
Anders herum kann man in den Geisteswissenschaften den Fokus auch mal auf Zusammenhänge legen. Sind nicht letztlich Diskussionen nichts anderes, als das Vorbringen logischer Argumente? Die Kunst seine Argumente in eine logische Ordnung zu bringen, um sie zu vermitteln und nicht von einem kreativen Einfall zum nächsten zu springen…
Will sagen: man hat als Lehrer durchaus die Möglichkeit in den Naturwissenschaften Schüler in den Unterricht einzubinden und zu fordern, denen das logische Denken nicht so sehr liegt, sondern das kreative. Und eben andersrum.
Und zu deinem letzten Satz: Das denke ich stimmt so nicht, zumindest nicht in dem Kontext in dem du es sagst. Man kann als Lehrer in Naturswissenschaften genauso die Bemühungen der Schüler (auch ohne Ergebnisse) honorieren, wie man in den Geisteswissenschaften “auch aus dem letzten Gequase die halbwegs tiefsinnigen Bröckchen” herausholen und benoten kann. Aber andersherum könnte man natürlich auch in den Geisteswissenschaften die Qualität der Aussagen bewerten und sich nicht die Mühe machen “halbwegs tiefsinnige Bröckchen” zu suchen und die Beteiligung einfach als mangelhaft abtun.
In diesem Sinne ist das Problem meiner Meinung nach tatsächlich pädagogischen Ursprungs. Vielen Lehrern kommt diese Idee nicht und ich habe durchaus schon Sätze gehört wie “Ich habe ja zur Kenntnis genommen, dass sie/er sich wirklich bemüht. Sie/er versucht sich jede Stunde zu beteiligen, aber ich kann eben nur den Inhalt benoten und der ist nunmal keine 4 mehr…”
- Zitat Der kategorische Imperativ:
“Was ich zum Ausdurck bringen wollte, ist dass meiner Meinung nach aber sehr entscheidend ist, wie Lehrer zu Beginn der Naturwissenschaften die Schüler an das Fach ranbringen. Und da ist Pädagogik gefragt. Meine Lehrer haben meine Klasse auch Staubtrocken eingewiesen. […]
Wenn man aber auf mein ehemaliges Gymnasium schaut, dann sehe ich aber vor allem Bedarf daran, dass bereits länger daseiende Lehrer sich mehr anpassen müssen und ihren Unterricht nicht so staubtrocken gestalten. Vielleicht war meine Schule einfach ein extremer Einzelfall, aber unsere Lehrer waren alle unheimlich kompetent, nur konnten die den Stoff nicht rüber bringen.”
Auch hier ja und nein!
Ich stimme dir zu, das es bei Naturwissenschaften womöglich wichtiger ist, die Schüler anfangs zu motivieren, als bei Geisteswissenschaften, da alles aufeinander aufbaut und es wichtig ist, den Einstieg nicht zu verpassen - wichtiger warscheinlich als bei den Geisteswissenschaften.
Die Frage ist doch, was ein Lehrer tun muss, um Interesse an einem Fach (egal welchem) zu wecken. Was muss er tun, damit die Schüler bereit und motiviert sind zu lernen, bzw. damit sie nicht von vorneherein NICHT motiviert sind? Muss er lustig sein und Witze machen? Muss er locker drauf sein, damit sich eine entspannte Atmosphäre einstellt, die gut zum lernen ist? Muss er Wissen vermitteln (vielleicht sogar um jeden Preis) damit die Schüler mitreden können und sich nicht langweilen?
Ich denke das ist die zentrale Frage, die sich in allen Fächern stellt. Nur dass sie zu sehr mit Naturwissenschaften assoziiert wird, weil dort die Lernbereitschaft und Motivation sehr gering ist.
Du hast oben etwas von deinem Geschi LK geschrieben. Was z.B. wenn ihr in Geschichte NUR (langweilige) Daten auswendig gelernt hättet? Wäre es dann nicht genau das selbe wie in den Naturwissenschaften? Die Motivation sinkt, die Schüler verpassen die Grundlagen, Geschichte wird ein Hassfach…
Oder selbst Deutsch. Wenn du wegen mangelnder Motivation die Rechtschreibung oder das anfertigen von Inhaltsangaben etc. nicht gelernt hast, weil du wegen eines schlechten Lehrers nicht motiviert warst… was dann? Hassfach!
Das von dir beschriebene Problem beschränkt sich also keinesfalls auf die Naturwissenschaften! Hinzu kommt noch folgendes: Während in Geschichte, Deutsch, Religion etc. der Lehrstoff weitgehend gleichbleibt, müssen Lehrer naturwissenschaftlicher Fächer immer neu dazulernen. Das Wissen aus deren Studium ist längst überholt. Auf dem neusten Stand zu bleiben ist Arbeit, und oft mehr, als bei Geisteswissenschaften, bei denen man im Zweifelsfall auf Arbeitsblätter vom Vorjahr oder Bücher der Schule zurückgreifen kann. Die von dir angesprochene Kompetenz ist also keinesfalls selbstverständlich.
- Zitat Mona Jaeger:
“Wer den roten Faden in der Chemie einmal verloren hat, hat es schwierig, ihn wieder zu finden.”
Genau ist das Problem! Bei den Naturwissenschaften baut das Wissen aufeinander auf. Wenn man erst einmal (aus welchen Gründen auch immer) den Faden verloren hat, dann werden die Fächer shcnell zu “Hassfächern”. Man versteht nichts, hat oft nicht die Motivation sich selbst das nötige Wissen anzueignen und verliert daher schnell das Interesse, da man nicht mehr mitreden kann.
In den Geisteswissenschaften hingegen ist es anders: Irgendwann findet man immer wieder irgenedeinen Ansatzpunkt um wieder etwas zu sagen, egal ob geistreich oder nicht.
- Zitat Mona Jaeger:
“Sind es nun die Schüler oder die Lehrer, die die Naturwissenschaften so furchtbar erscheinen lassen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich - wie so oft - irgrnedwo in der Mitte.”
Natürlich liegt sie das! Es gibt immer motivierte und unmotivierte Lehrer und ebenso motivierte und unmotivierte Schüler. Das Problem ist glaube ich, dass sich der Gedanke festgesetzt hat, dass Naturwissenschaften so viel arbeit bedeuten. Mann muss etwas tun, um mitzukommen. Und das liegt sowohl in der Verantwortung der Schüler als auch der Lehrer.
Bei schlechten Lehrern in Geisteswissenschaften sitzt man seine Zeit ab, beteiligt sich nicht und findet den Unterricht langweilig und kriegt nichts mit. Dann erfährt man, dass man mündlich auf 5 steht, rafft sich auf, meldet sich und sagt irgendetwas (egal ob klug oder nicht), kriegt eine wohlwollende 4 und gut ist.
Bei schlechten Lehrern in Naturwissenschaften sitzt man genauso seine Zeit ab, beteiligt sich auch nicht und findet den Unterricht langweilig und kriegt auch nichts mit. Wenn dann jedoch die Noten bekanntgegeben werden fehlt oft die Grundlage um sich überhaupt beteiligen zu können. Man bleibt entweder sitzen oder muss viel nachlernen, was beides keinen Spass macht und so wird das Fach eben zu einem Hassfach.
So, jetzt noch ein eigener Gedanke dazu:
Was noch gar nicht angesprochen wurde (oder doch?) sind die Lehrpläne.
Ich glaube ein großes Problem ist, dass diese in den Geisteswissenschaften wesentlich “lockerer” gehalten sind. Lese und behandle BuchXYZ (oder sogar nur eines der folgenden Bücher…). Vielleicht noch Angaben über bestimmte Unterpunkte, die dabei beachtet werden sollten. Vieles wird dem Lehrer überlassen.
In den Naturwissenschaften sieht der Lehrplan hingegen wesentlich strikter aus. Es wird verlangt, dass die Schüler am Ende des Schuljahres ein bestimmtes Wissen haben. Viel Zeit für “spannenden” Unterricht ist nicht, weil der Stoff, der vermittelt werden MUSS, oft schlichtweg “trocken” (alltagsfremd, uninteressant) ist. Formeln, Gesetze und dergleichen.
Ich denke, wenn im Stoffplan nur die wichtigsten Zusammenhänge gefordert würden, diese dafür aber klar verständlich und anschaulich, dann hätte der Lehrer auch mehr Zeit für Experimente, Modelle und ähnliches, was wohl eher als “interessanter Unterricht” bezeichnet werden würde, als das auswendiglernen von Elementen.
Eigentlich wollte ich noch etwas näher auf das Ganze eingehen und meine Meinung zu verschiedenen weiteren Details kundtun (und vielleicht sogar einen etwas konkreteren Lösungsvorschlag?)aber das Ganze ist mir gerade etwas über dne Kopf gewachsen und die Zeit ist von dannen geeilt, weswegen ich das wohl auf ein andermal verschiebe.
Der ein oder andere Leser wird es mir danken.
Gruß
Skeptiker
Der kategorische Imperativ
am 27. September 2007 um 10:46:Zu den Lehrplänen: Fast egal welches Fach, die Lehrpläne sind extrem voll, so dass man meistens nur die Pflichthemen grad noch so schafft, und die Wahlthemen gar nicht erst anspricht. So wars zumindest bei uns.
Ich will nochmal das Thema Kommunikation Schüler - Lehrer aufgreifen. Mich würde es interessieren, was vor allem ihr Schüler davon hieltet, eine regelmäßge, vllt. jeden Monat einmal, oder wenn das zu viel ist Quartalsmäßig einen Austausch zwischen Schülern und Lehrern zu ermöglichen. Glaubt ihr, dass würde etwas bringen?
Grüße,
DkI
Daniel
am 27. September 2007 um 11:26:Ich stimme dir zu, kathegorischer Imperativ, die Lehrpläne sind in jedem Fach voll. Aber ich glaube trotzdem, dass Skeptiker zum Teil recht hat mit dem, was er sagt. Der Unterschied ist nämlich der, dass es in Geisteswissenschaften nicht so wichtig ist den Stoff zu behandeln, weil dieser oft nicht aufeinander aufbaut. Sogesehen haben die Naturwissenschaftler vielleicht wirklich mehr Druck. Ich will das ganze an unserem Abi dieses Jahr verdeutlichen: In den Geisteswissenschaften war es entweder so, dass man - zumindest bei einer Aufgabe - kein Grundwissen brauchte (Deutsch) oder ein Thema hatte, dass im Lehrplan stand, bei dem aber oberflächliches Wissen ausgericht hätte (Ethik, Reli). Sogesehen war dabei relativ sicher, dass man bei einem halbwegs guten Lehrer zumindest die Grundlagen hatte das Abitur zu meistern.
In den Naturwissenschaften hingegen wurde Aufgaben zu speziellen Themen gestellt und zwar solche, die teilweise detailliertes Wissen vorraussetzten. Und da weder Lehrer noch Schüler wussten welche Themen drankommen würden, mussten die Naturwissenschaftler alles präzise lernen (und natürlich auch im Unterricht behandelt haben). Den Geisteswissenschafltern hingegen hätte es gericht das Thema nur grob anzusprechen. Und alle Themen im Lehrplan grob anzusprechen ist natürlich wesentlich leichter, als alles detailliert zu behandeln.
Im übrigen stimme ich weitgehend dem zu, was Skeptiker sagt. Besonders das über die Benotungsmöglichkeiten von Lehrern in natur- und geisteswissenschafltlichen Fächern, das man in beiden sowohl kreativität als uach logisches Denken honorieren kann finde ich gut. Schade, dass das so selten passiert.
Noch etwas zu deinem Vorschlag eines Austausches zwischen Lehrern und Schülern. In der Theorie finde ich klingt das gut, aber ich fürchte dass zu viele Schüler dies nur nutzen würden um sich den Schulalltag leichter zu machen (weniger Hausaufgaben oder so) und die wenigsten wirklich versuchen würden sich in die Position der Lehrer zu versetzen. Hinzukommt, dass ein solcher Austausch besonders in der Unterstufe ratsam wäre, da dort, wie du sagst, der größte Bedarf an pädagogischer Arbeit besteht. Aber gerade Unterstufenschüler kennen die eigentlichen Probleme mit Lehrplänen und aufbauendem Wissen noch nicht (und werden von den Lehrern vielleicht auch weniger ernst genommen. Ich meine, hast du nicht auch oft von deinen Lehrern gehört wie schlimm und anstrengend die fünften bis siebten Klassen wieder waren? )…
Der kategorische Imperativ
am 27. September 2007 um 11:55:Hallo Daniel!
Ich stimme Dir od. euch zu. Zu dem Austausch. Man könnte von vornerein festlegen, dass Dinge wie Hausaufgaben, Unterrichtsthemen etc. nicht ´zur diskussion stehen. Dafür jedoch Unterrichtsmethoden (Manche Klassen können einfach nichts mit Frontalunterricht anfangen, andere können nichts mit Plakaten anfangen), so dass man Schwerpunkte setzen könnte. Klar ist auch, dass alle mal alles probiert haben muss. Aber dann würde man den Unterricht anpassen - wahrscheinlich mit dem Ergebnis, dass die Schüler mehr Spaß haben und damit konzentrierter sind, und der Lehrer es einfacher hat und weniger Stress. Wenn man den Austausch also mit diesem Ziel ansetzen würde?
DkI
FRiSCH-Red.
am 27. September 2007 um 12:12:Regelmäßiges Feedback, also ein Austausch über Methoden, Leistungstand, mögliche Lücken usw. zwischen Lernern und Lehrenden könnte beiden Seiten helfen. Die Lehrer könnten ihre Unterrichtsmethoden und die Lehrgeschwindigkeit individuell anpassen. Die Schüler wüssten, auf welchem Leistungsniveau der Lehrer sie sieht.
Und das, bevor es zu spät ist, und z.B. eine Arbeit wegen katastrophalem Notendurchschnitt wiederholt werden muss.
So ein Austausch könnte vor bösen Überraschungen bewahren.
Findet die FRiSCH-Redaktion
Daniel
am 27. September 2007 um 12:17:Wie gesagt, ich finde die IDEE sehr gut, allerdings glaube ich nicht, dass sie funktioniert. Leider!
Ich kann auch nur hier wieder ein Beispiel aus meiner Schulzeit anführen: SV-Stunden. Klar, sie hatten nicht die Intention, die dir vorschwebt, aber es ging doch immer darum, dass Schüler und Lehrer gemeinsam etwas ändern/erreichen wollten. Und zumindest bei uns hat es nie wirklich funktioniert…
Aber das soll nichts heißen, vielleicht haben ja andere bessere Erfahrungen gemacht und es gibt Schulen/Klassen, bei denen solche Gespräche helfen können.
Der kategorische Imperativ
am 27. September 2007 um 12:25:Ja, aber weißt Du, bei SV Stunden sah das immer so ein wenig hilflos aus. Da haben sich dann 20-30 Schüler abgestimmt, ob sie was gut oder schlecht finden, aber immer so chaotisch. So stelle ich mir das nicht vor. Ich würde es begrüßen, wenn der Austausch auf einem Niveau wäre, den die Lehrer auch ernstnehmen. So zum Beispiel, in dem schülerintern besprochen wird, was los ist durch Antrag an SV,und dann eine kleine Delegation (vllt. 5 Schüler, also Schulsprecher + Ober-/Mittel-/Unterstufenspreche + SV Leitung)sich mit dem Thema besprechen und das dann beim Austausch vortragen. Dem gegenüber sind dann halt betroffener Lehrer, Direktor u.ä. Dann hätten auch mal diese Schülerpolitik auch mal einen tieferen Sinn als, “soll die Cafta saniert werden oder nicht?”
So Klasseninterne Dinge kann man ja auch ohne den Aufwand machen. So z.b. folgendermaßen:
Normalerweise haben Lehrer ja 2 Jahre eine Klasse. Nach dem ersten Halbjahr, kann er ja beginnen, die Methoden zu nutzen, die die Schüler gut fanden. Genau das gleiche mit Medien.
Gruß
DkI
Lucas
am 28. September 2007 um 19:21:Hallo,
ich bin Schüler der 13.Klasse. Ich mache nächstes jahr mein Abi, meine Leistungskurse sind Mathematik und Physik.
Bei mir war es noch nie ein Problem mich für die Naturwissenschaften zu motiviern, da ich mich in die Kategorie von Schülern einstufen würde, die ‘einfach von Haus aus das Interesse mitbringt’. Es war schon in der Grundschule so ,dass Mathematik mich am meisten angesprochen hat, und das hat sich nicht geändert.
Ich gebe seit Jahren mehreren Schülern aus verschiedenen Jahrgangsstufen Nachhilfe in Mathematik. Hier sehe ich regelmäßig direkt woran es den Schülern mangelt. und was ich als ein großes manko entdeckt habe ist die Tatsache, das viele Schüler hinter Mathematik eine Art ‘höhere Macht’ sehen, die sie einfach nicht verstehen. Es werden ihnen Aufgaben hingegeben, und nicht nur das sie darin vlt keinen Bezug zur Realität sehen, nein, sie verstehen auch den internen Sinn der Aufgabe nicht.
Ein kleines Beispiel, ich gebe einer Schülern der 9ten Klasse Nachhilfe, das Thema zurzeit sind lineare Gleichungssysteme. Sie haben ihre 2 Gleichungen und sollen dazu die Lösungen ausrechnen. Dies wird einfach gemacht,man benutzt eben das Einsetzungs- bzw Gleichsetzungsverfahren. Als ich sie aber gefragt hab, was sie ‘eigentlich’ überhaupt macht, hatte sie keine Ahnung. Sie sagte ‘ja die Lösung halt von dem da’. Die Tatsache, dass sich hinter den beiden Gleichungen Geraden ‘verstecken’ und das die Lösung des Gleichungssystem einfach nur der Schnittpunkt dieser beiden Geraden ist, war ihr absolut nicht bekannt. Sie hat in den Gleichungen einfach nur sinnlose Mathematik gesehn, als ich ihr aber klar gemacht hab, dass sich dahinter Geraden und Schnittpunkte von Geraden verbergen, wurde ihr das ganze Thema auf einmal etwas klarer. Das heißt nicht, dass sie danach alles super schnell und super richtig ausgerechnet hat, ABER sie hat zumindest verstanden warum sie das macht, und vor allem WAS sie macht. Das hat sie vorher nicht gewusst.
Das ist nur ein Beispiel von vielen, Schülern werden Dinge vorgegeben, die sie dann nach Schema F machen, ohne zu wissen was sie da eig machen. und da denke ich geht bei vielen die Lust und die Motivation verloren. Das führt zu diesem’sinnlosen rechnen’ das viele Schüler in Mathe sehen. Die Zusammenhänge zwischen den Dingen sind ihnen vollkommen fremd. und das ist meiner Meinung nach ein Problem das die Lehrer angeht. Viele Lehrer können sich nicht in Schüler hineinversetzen und können nicht verstehen, was die Schüler nicht verstehen. Dadurch werden so simple Dinge, wie mein Beispiel oben, einfach vorrausgesetzt, bzw nicht angesprochen.
Susammengefasst soll das heißen, Schülern fehlt oft nicht nur der Grund’warum’ muss ich das machen(realitätsferne?) sondern auch das ‘was mache ich da überhaupt’. und sobald ein Schüler in dieses sinnlose rechnen von vorgegebenen Schemata verfällt, verliert er leider auch das Interesse an dem sicherlich schönen Fach Mathematik.
Gruß
Lucas
Daniel
am 29. September 2007 um 14:59:Hallo Lucas,
ich weiß genau was du meinst. Ich habe mein Abi dieses Jahr hinter mich gebracht und hatte auch Mathe als LK.
Was du beschreibst kenne ich aus anderen Kursen nur zu gut. Ich selbst hatte Glück und eine richtig gute Lehrerin. Wir hatten “sinvolle” Aufgaben - sofern das beim Stoff der Oberstufe möglich ist - und haben nicht nur stur gerechnet, sondern auch sehr genau erklärt bekommen WAS wir eigentlich tun, sprich wir hatten praktische Aufgaben, die uns zeigten, wofür man den Stoff überhaupt braucht. Außerdem konnten wir auch selbst in den Unterricht eingreifen und (teilweise) bestimmen, was wir machen wollten, sofern es natürlich mit dem Stoffplan übereingestimmt hat. Das wichtigste war aber folgendes: Wir haben gelernt, wie die Aufgaben lösen kann - oft gibt es ja viele Möglichkeiten - und danach konnten wir uns aussuchen welchen Weg wir wählen. Das hat gezeigt, dass es nicht auf die “Prozedur” (die Gleichungen gleichsetzen) ankommt, sondern auf das, was man damit bezwecken will (die Schnittpunkte).
Ich war schockiert, als ich gesehen habe, wie andere Kurse den Stoff behandelt hatten. Sie haben viel mehr gerechnet, kannten keinerlei “Tricks” und mussten oft zeitaufwendige, schwierige Rechnungen machen, um auf (Teil)ergebnisse zu kommen, die wir in wenigen Sekunden mit einer anderen Rechnung gefunden hätten.
Will sagen: Ihnen ging es genauso, wie du es beschreibst, sie wussten oft nicht, was sie taten oder warum. Für sie war Mathe einfach nur (umständliches) Rechnen, und dass das keinen Spaß macht ist ja verständlich…
Knut Emmert
am 01. Oktober 2007 um 15:13:Nachdem der Skeptiker eine Reihe von guten Hinweisen gegeben hat, und nachdem besonders Lucas eines der wichtigsten Probleme angeschnitten hat, komme ich nochmal zurück auf einige Originalaussagen vom Anfang der Diskussion.
“Anders als in Fächern wie Religion, Musik oder Kunst zählt Individualität in den gefürchteten Naturwissenschaften wenig.” Warum und von wem sind Naturwissenschaften “gefürchtet”? Doch von den Schülern, die nicht verstanden haben, worum es eigentlich geht. Und warum haben sie’s nicht verstanden? Entweder weil sie an grottenschlechte Lehrer geraten sind oder weil sie keinen Bock drauf haben, sich etwas näher anzusehen, über das man nicht einfach haltlos rumlabern kann wie im besinnungslosen Besinnungsaufsatz, sondern wo es darum geht, Fakten und Zusammenhänge zu begreifen. Sicher tragen auch undurchdachte, zu theoretisch orientierte Lehrpläne eine Menge bei. Eine einzige Ursache des Problems gibt es nicht - alle helfen mit.
“Kreativität und eigene Auffassung der Schüler sind hier deutlich weniger gefragt.” Wenn das so ist, dann scheint es mir doch in diesem Fall ein Lehrerproblem zu sein. Naturwissenschaft lebt von Kreativität und Querdenken. Gerade in Physik wäre es wichtig, die Schüler selbst die richtigen Experimente austüfteln zu lassen, aus denen naturgesetzliche Zusammenhänge klar werden. Dabei ist es sogar gut, wenn manche Experimente nicht gelingen, weil Denkfehler in der Vorbereitung steckten: beim Herausfinden der Denkfehler kann man mehr lernen als bei sterilen, immer funktionierenden Frontal”versuchen”. Und man kann dabei auch lernen, daß in der Naturwissenschaft auch Annahmen, die sich hinterher als falsch herausstellen, wichtige Schritte zur richtigen Erkenntnis bilden können. Wo sonst kann man Fehler machen und wird noch dafür gelobt? Gute Lehrer schaffen so was. Schlechte demonstrieren nach Lehrplan. Wichtig ist, daß die Schüler - von denen die meisten später nicht Physik studieren werden - aus der Schule gehen mit dem Wissen über Methodik, Leistungsfähigkeit und Ethos der Naturwissenschaften. Physikalisches Détailwissen bis in die kleinsten Verästelungen brauchen sie nicht.
“Es geht um schnelles Verständnis und die sofortige Anwendung der neu gelernten Formeln.” Verständnis muß richtig sein, nicht schnell. Mancher braucht etwas länger, um etwas zu kapieren. Wichtig ist, daß er’s überhaupt kapiert. Die Anwendung von Formeln sollte sich auf wichtige und einfache Fälle beschränken. Aber die Schüler sollten begreifen, daß genau dies - die exakte Berechenbarkeit - der zentrale Charakterzug der Physik ist. Und daß man Zusammenhänge verstehen lernt, wenn man Formeln interpretieren kann. Interpretieren, mit Leben füllen, nicht nachplappern und formal runterrechnen! Wenn jemand generell Angst vor Formeln hat, dann hat wohl der Mathematikunterricht versagt. Denn sonst hätten Schüler längst gelernt, wie mathematisch z.B. Musik und Kunst sind.
“Zeit zum Diskutieren bleibt leider nicht.” Einerseits muß die Zeit bleiben, damit im Gespräch die vorher behandelten Themen besser verstanden werden: Physik ist keine Kathederwissenschaft, sondern lebendige Suche nach Wahrheit. Nicht Menge des Gelernten ist wichtig, sondern dessen Qualität. Aber andererseits müssen die Schüler auch lernen, daß man nicht darüber diskutieren kann, ob die Kreiszahl Pi = 3,141592… ist oder 3,0. Naturgesetze lassen sich nicht per Abstimmung ändern.
“Warum um Himmels Willen ist es so wichtig, über die physikalischen Gesetze Bescheid zu wissen, wenn ich sie doch nie brauche!” Gegenfrage: “Warum um Himmels Willen ist es so wichtig, über die amerikanische Pop-Art (oder Goethe’s Faust oder lateinische Genitivbildungen oder Kant’s kategorischen Imperativ oder die mittelhochdeutsche Form des Nibelungenliedes oder den Satz des Pythagoras oder die Taxonomie der Wirbeltiere oder was sonst noch) Bescheid zu wissen, wenn ich das doch nie brauche?” Schule soll einen Bildungs-Grundstock bereit stellen, auf dem der der Schule Entwachsene später aufbauen und frei entscheiden kann. Und dazu gehört unabdingbar die Kenntnis über Methodik und Grundaussagen der Naturwissenschaften. Wieviel verquaster Unsinn würde nicht geredet über Klima, Sonnen-, Wind- oder Kernenergie, wenn die Mitdiskutierenden wenigstens die primitivsten physikalischen Grundlagen begriffen hätten? (Wobei die “Highlights der Physik” Ende August in Frankfurt zeigten, daß viele Schüler besser informiert sind als der Bundesumweltminister - aber das ist so schwer nun auch wieder nicht …)
“Die Unschärferelation habe ich zwar verstanden, aber bisher hat sie mir noch nichts gebracht.” Muß alles, was wir lernen, “etwas bringen”? Reicht es nicht, einfach nur mehr zu verstehen, wie die Natur funktioniert? Muß immer irgendwo ein (wenn möglich finanzieller) Nutzen herauskommen? Natürlich “bringt” mir weder die Unschärferelation noch die Einsicht in den Welle/Teilchen-Dualismus etwas, genausowenig wie es mir etwas “bringt”, zu wissen, daß die Vögel eigentlich der letzte überlebende Ast der Dinosaurier sind, oder zu verstehen, warum manche ferne Galaxien im Fernrohr mehrfach auftauchen. Aber ich finde es tief befriedigend, etwas mehr über dieses große bunte Glitzerding namens Universum, und alles was darin ist, zu begreifen.
Katharina kann “Physik einfach nicht ausstehen. …, bei mir geht es ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder heraus. Ich strenge mich auch nicht wirklich an – es ist sinnlos!” Wer Wissen “nicht ausstehen kann”, hat vermutlich eine schlimme Leidensgeschichte mit schlechtem Unterricht hinter sich. Oder hat sich von einer dummen Umgebung dummes Zeug einreden lassen. Es ist nie sinnlos, sich anzustrengen. Aber warum findet sich kein Lehrer, der sich mal mit ihr darüber unterhält? Physik ist nicht schwer, sie wird nur manchmal schwer gemacht von Leuten, die ihre eigene Wichtigkeit damit unterstreichen wollen. Natürlich ist Katharina in der Lage, Physik zu verstehen. Man muß aber ihre individuellen Bedenken und Probleme ernst nehmen, sie nicht von oben herab belabern, sondern mitreden und mitdenken lassen. Das gilt für alle, die Probleme in den naturwissenschaftlichen Fächern haben. Geduld und Einfühlungsvermögen sind wichtiger als alle pädagogischen Theorien.
Zusätzlich zu einigen guten Ideen, die hier im Forum schon vorgeschlagen wurden: Wie wär’s denn, wenn alle interessierten Schüler mal eine Liste aufstellen, bei welchem Lehrer ihnen der Unterricht Spaß macht, bei wem sie gelernt haben, wie Physik (oder Chemie oder Biologie) funktioniert; wenn man dann mit diesen Lehrern und einer Delegation der hier aktiven Schüler einen Workshop veranstaltet, bei dem alle darüber diskutieren können, wo die Probleme liegen und wie man die Situation verbessern kann? Das Ganze könnte sicher hier bei FRisch koordiniert werden. Und vielleicht springen ja ein paar Tips für die Kultusminister heraus (die hätten etwas Nachhilfe nämlich bitter nötig).
Schöne Grüße an alle Nachdenker
Der kategorische Imperativ
am 01. Oktober 2007 um 15:42:Hallo an alle, hallo Knut Emmert!
Ich will nur kurz auf Deinen Beitrag eingehen. Ohne Einschränkungen bin ich Deiner Meinung und es war ein sehr wohl formulierter, diplomatischer Appell.
Dein Vorschlag ganz unten:
Zitat Knut Emmert:
“wenn man dann mit diesen Lehrern und einer Delegation der hier aktiven Schüler einen Workshop veranstaltet, bei dem alle darüber diskutieren können, wo die Probleme liegen und wie man die Situation verbessern kann”
/sign….
Ich bin dabei. Ich bin zwar kein Schüler, ich hab mein Abi vor kurzem erst gemacht, aber ich fühle mich noch Schüler genug um mitzuwirken. Man hört ja nie auf zu lernen ;)
Der enthusiastische
kI
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Tommy Münch-Hildebrandt
am 01. Oktober 2007 um 21:51:Hallo allezusammen!
Chemie war schon immer so ein Thema wo man denkt: “Oh nein, nicht schon wieder!” Ich kann mich noch erinnern als ich in der 9. Klasse war, da hieß es: “Ermitttle die Strukturformel von Ethanol mit Versuchen mit Natrium!” Es war eine Katastrophe. Ich war der einzige der wusste, was die liebe Frau von mir wollte. Wasser und Natrium, dass ist nichts Gutes, vorallem nicht, wenn man einen riesen Klumpen in ein Becherglas mit wenig Wasser gibt. Der eine hatte Feuer gefangen, mein Nachbar hat sich Natronlauge über die Pfoten gekippt. Jedenfalls war der komplette Chemiesaal nach dem Tag renovierungsbedürftig! An der Tafel stand:”Ein tipp: nehmt am Besten zum Vergleich ein Alkan, z.B. C6H14″ Was ist ein Alkan? Was ist C6H14? Es war schlimm und wenn man einmal den Faden verliert, dann ist das schrecklich dass alles wieder nachzuarbeiten. Lehrer setzen vor allem bei den naturwissenschaftlichen Fächern Verständnis voraus. Dies ist nicht gegeben, meistens jedenfalls. Da sehe ich einen sehr großen Änderungsbedarf an deutschen Schulen…
Daniel
am 02. Oktober 2007 um 13:54:Hallo allrseits,
beim Lesen von Knut Emmerts Beitrag ist mir etwas aufgefallen. Letztlich stellen sich doch zwei Fragen, die beide in der großen Ausgangsfrage mitschwingen:
- Warum hassen so viele Schüler Naturwissenschaften, warum sind Schüler oft so schwer zu motivieren, warum geht der Stoff “zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus”, was am Unterricht ist so schlecht/langweilig? (Die Frage nach dem Grund)
- Warum ist das so? (Die Frage nach der Ursache)
Die erste Frage wurde schon viel Diskutiert:
Das Wissen bringt nichts, Individualität/Kreativität spielt keine Rolle, der Unterricht ist zu trocken, zu wenig Versuche, die Formeln sind langweilig, schlechte Lehrer, der Stoff baut aufeinander auf und wenn man einmal etwas nicht verstanden hat kommt man nicht mehr mit und und und…
Letztlich lief es auf das eine heraus: Den Lehrer und die Schüler. Der Lehrer muss es schaffen Interesse bei den Schülern zu wecken, sie zu motivieren und einen “spannenden” Unterricht gestalten.
Wenn der Lehrer gut ist, sind die Schüler motiviert, verstehen den Stoff und alles ist gut.
Wenn der Lehrer schlecht ist ist eh alles verloren…
Jetzt zur zweiten Frage: Warum?
Auch das wurde schon angesprochen: Lehrpläne erlauben keine Versuche (keine eigenständiges Handeln) sondern Stellen “trockenes” (langweiliges) Faktenwissen in den Vordergrund, Klassen sind zu groß, Lehrer können nicht einzeln auf die Bedürfnisse/Probleme der Schüler eingehen usw…
Das sind alles Probleme, die auch gute Lehrer betreffen - und andererseits Ansatzpunkte zum Handeln.
Kurz gesagt, um Naturwissenschaften beliebter zu machen, bedarf es zwei Schritten:
- schlechte Lehrer zu guten Lehrern machen (pädagogische Methoden vermitteln; Schüler-Lehrer Gespräche; Lehrmethoden - Gruppenarbeit, praktischer Unterricht, Vorträge etc - vermitteln; Engagement fördern; faires Benoten beibringen usw.)
- gute Unterrichtsbedingungen für Lehrer schaffen (kleine Klassen, die den Lehrern ermöglichen auf einzelne Schüler einzugehen - ggf. Zusatzunterricht für manche?; ein überarbeiteter Lehrplan, der Raum für eigenständiges Handeln lässt und vor allem einen klaren Fokus auf den Stoff legt, der “wichtig” ist; genug Unterrichtsmaterial um auch Versuche durchzuführen; womöglich auch Mittel für “Ausflüge”, die den Nutzen des Stoffes vermitteln sollen - Firmen, Fabriken, Forschungsinstitute etc.)
Noch eine Anmerkung: Ich habe oben von “wichtigem” Stoff gesprochen. Damit meine ich nicht im Alltag wichtig, sondern vielmehr das, was auch Knut Emmerts angesprochen hat, nämlich ein grundlegendes Verständnis, (natur)wissenschaftliche Arbeitsweise und wirklich FUNDAMENTALES Grundlagenwissen.
Wenn diese zwei Schritte konsequent umgesetzt würden - und dass liegt eben nicht alleine in der Hand von Schulen/Schülern, sondern auch in der des Kultusministeriums - dann könnte womöglich ein Unterricht stattfinden, der Schüler motiviert mitzuhalten. Weil letztlich sind es doch die Erfolgsmomente (”Aha!-Erlebnisse”, gute Noten), die Spaß (oder wie mein Erdkundelehrer der 5. Klasse sagte: Freude) machen.
(Und gegen die “prinzipiell-unmotivierten-Säcke”, die es leider auch immer gibt, kann man wohl sowieso nichts machen…)
Entschuldigung für den letzten Satz und liebe Grüße
Daniel
Dave
am 17. September 2009 um 18:16:Hallo,
ich will denn auch meine Meinung kund tun.
Ich habe mein Abitur zwar schon ein paar tage (1999), habe in meiner Schulzeit wegen schlechter Lehrer (und eigener Sturheit) wiederholen muessen und war allgemein eher unbegeistert von der Schule. Aber Mathe, Physik und Chemie waren dabei nicht das Problem. Deutsch habe ich frueh probleme entwickelt und musste diese spaeter auch sehr muehsam aufarbeiten. Franzoesisch habe ich im ersten Jahr nichts gelernt und daher auch den rest der Zeit (immerhin 5 Jahre) nie aufholen koennen. Beides waren sogennante A Faecher und daher Versetzungsrelevant. Selbst eine 1 in Physik haette also nichts geholfen um eine 5 in Franzoesisch auszugleichen. Auf der anderen Seite sind wir alle taeglich von Physik umgeben und ich habe anschliessend sogar einen Diplom Ingenieur erfolgreich beendet. Franzoesisch waere nett zu koennen, aber Beruflich und Privat vermisse ich es nicht wirklich.
Meine Rechtschreibung habe ich nie ganz aufgheolt und meine kenntnisse in Grammatik moechte ich mit keinem Schueler vergleichen. Aber hinterfragen warum ein Flugzeug da bleibt wo ich es haben will ist mir persoehnlich wichtiger.
In diesem Sinne muss ich die Frage stellen warum ueberhaupt faecher in der Schule unterschiedlich gewertet werden. Es kommt nun mal auf jeden einzelnen an was er spaeter mit dem Wissen machen will.
Dave