Fritz: Was ist los, Vivian? Du siehst leicht müde aus, nicht genug geschlafen? Ich konnte heute wie immer bis zwölf Uhr schlafen. Das Leben nach dem Abitur ist wunderbar.
Vivian: Wie schön, lieber Fritz, ich bin um 5.45 Uhr aufgestanden, hatte bereits sechs Stunden Schule, und auch die Hausaufgaben liegen hinter mir.
Fritz:Freu dich auf die Zeit nach dem Abitur, wenn du lange schlafen und viel fernsehen kannst.
Vivian: Das halte ich für den falschen Ansatz. Nach dem Abitur geht es erst richtig los. Durchstarten, Karriere machen – der frühe Vogel fängt den Wurm.
Fritz: Das siehst du völlig falsch. Nach dem Abi sollte man sich ein wenig Freiheit gönnen. Der Stress kommt früh genug.
Vivian: Ich würde es gar nicht aushalten, nichts zu tun.
Fritz: Es ist ja nicht so, dass ich nur nutzlos herumliege. Ich beschäftige mich mit Dingen, die mir Spaß machen. Ich lese viel, fotografiere, schreibe und widme mich der Musik.
Vivian: Du hast doch das Abi bestanden, damit kann man viel anfangen. An deiner Stelle würde ich mich schnell um die Zukunft kümmern. Je länger du jetzt nichts machst, desto schwerer wird es dir fallen, irgendwann wieder zu arbeiten.
Fritz: Aber es ist falsch, sich immer nur zu fragen, was man machen sollte. Stattdessen will ich mich fragen, was ich machen will. Und für die Beantwortung dieser Frage brauche ich Zeit.
Vivian: Ich finde es auch sinnvoll, sich mit den eigenen Zukunftswünschen zu beschäftigen. Aber man muss auch seine Pflichten erfüllen. Wenn du eines Tages eine Arbeit haben möchtest, die du gerne machst, dann solltest du dich jetzt mit aller Kraft darum bemühen.
Fritz: Warum? Ich will einmal in meinem Leben einfach nur leben – ohne ständig daran zu denken, welche Lebenspflichten, deren Sinn mal dahingestellt sei, ich gerade nicht erfülle. Die Zeit zwischen Abitur und Job ist für solch eine Auszeit sehr geeignet.
Vivian: Ja, aber auf diese Weise bekommt dein Lebenslauf eine Lücke, und du wirst immer Probleme haben, eine anständige Arbeit zu finden. Da wäre es sinnvoller, jetzt voll durchzustarten und sich die schönen Sachen für später aufzuheben.
Fritz: Wann später? Wenn ich 60 bin? Lieber jetzt etwas Schönes erleben und sich dann mit 60 daran erinnern. Auch du solltest Erinnerungen schaffen, solange du kannst und dich nicht zu deinem eigenen Sklaven machen. Vivian, nach der Schule solltest auch du erstmal durchatmen und deinen Interessen nachgehen.
Vivian: Es hilft aber nichts, nach der Schule erst einmal ewig herauszufinden, was man später machen möchte, wenn man es später nicht mehr machen kann, weil man nicht rechtzeitig darauf hingearbeitet hat.
Fritz: Nach unserem Gespräch heute lebst du noch etwa 60 Jahre. Kein Grund zu hetzen. Wir leben jetzt. Mach, was du gerne machst, der Rest ergibt sich.
Vivian:Was du als den Rest bezeichnest, ergibt sich nicht von selbst. Dafür muss man arbeiten, und zwar so schnell und so gut wie möglich.
Fritz: Vergiss nur ja das Leben nicht. Statt dich für irgendeine Zukunft, die du eh nicht vorausplanen kannst, kaputtzuarbeiten, solltest du die Gegenwart genießen.
Gespräch: Vivian Yurdakul, 18 Jahre und Fritz Schumann, 19 Jahre